Schreiben aus weiblicher Perspektive im frühmittelalterlichen Europa, 6.–11. Jahrhundert
Mitte des 6. Jahrhunderts schrieb die Äbtissin von Arles an Radegunde, die Gründerin des Klosters Sainte-Croix in Poitiers, und an die dortige Äbtissin Agnes. Sie griff dabei das Bibelzitat »Wer aber seinen Bruder hasst, ist in der Finsternis« (1. Johannesbrief 2, 11) auf, und fügte eine Präzisierung hinzu: »Wer seinen Bruder oder seine Schwester hasst, ist in der Finsternis«. Dieser weibliche Zusatz taucht in der Schriftkultur vor 1100 möglicherweise nur an dieser Stelle auf. Oder findet sich Vergleichbares im Frühmittelalter? Aus dem Lektürefund entstand das Forschungsprojekt, das Autorinnen zwischen dem 6. und 11. Jahrhundert im lateinischen Europa in den Blick nimmt.
Für diesen Zeitraum sind etwa 150 von Frauen verfasste Texte überliefert. Das Corpus ist äußerst heterogen: Es umfasst Korrespondenzen, Heiligenleben, Chroniktexte und die Theaterstücke der Hrotsvit von Gandersheim. Geschlechtsspezifische Themen, wie zum Beispiel Mutterschaft, sind in bestimmten Textgattungen, wie Briefen, stärker vertreten als in anderen. Es geht darum, diese Textarten miteinander zu vergleichen und die Besonderheiten der von Frauen in der genannten Zeit verfassten Schriften zu untersuchen. Lexikographie und -Lexikometrie sind nützliche Werkzeuge, um diese Frage zu beantworten: Die meisten Texte sind im Latin Text Archive lemmatisiert und können mit der lexikographischen Software Voyant Tools ausgewertet werden. Von Frauen und Männern verfasste Texte werden miteinander verglichen. Den Beginn markieren die beiden Viten der Radegunde, die im Abstand von 15 Jahren vom Bischof Venantius Fortunatus und der Nonne Baudonivia verfasst wurden. Außerdem werden Korrespondenzen untersucht, die Briefe von Männern und Frauen enthalten – insbesondere von englischen Missionaren im Germanien des 8. Jahrhunderts. In dieser Sammlung sprechen sowohl Männer als auch Frauen über ihre Rolle bei der Christianisierung. In der ersten Untersuchungsphase werden Kriterien in Abhängigkeit von Corpora, Zeiträumen und zweifellos auch anderen Faktoren herausgearbeitet. Anhand dieser Kriterien wird festgestellt, ob Frauen genauso schreiben wie Männer. Danach wird die lexikographische Analyse auf die verbleibenden Texte des Corpus angewendet, um die ersten Ergebnisse zu konsolidieren.
Das Projekt wird eng mit einer Analyse der handschriftlichen Überlieferung der untersuchten Texte verknüpft, um gegebenenfalls von Frauen erstellte Formulierungen oder Zusätze zu identifizieren, die in Folgeversionen übertragen wurden.
Bildnachweis: Venance Fortunat, Grégoire de Tours, Baudonivia, Autorin der zweiten Vita sanctae Radegundis, 1101, 212 X 286 mm, Poitiers, Médiathèque François-Mitterrand, © licence ouverte Etalab.
