Neue Perspektiven auf die französische Fremdenlegion im kolonialen und imperialen Kontext (1831–1914)
Um die 1831 gegründete französische Fremdenlegion ranken sich viele Mythen, von heldenhaften Taten bis zu Vorwürfen, sie bestehe ausschließlich aus Kriminellen. In diesem Promotionsvorhaben untersucht Carla-Maëlys Barboutie die Geschichte der Legion im langen 19. Jahrhundert. Diese ist trotz der Beteiligung der Legion an zahlreichen kolonialen und imperialen Kriegen weitaus weniger erforscht als ihre Geschichte im 20. Jahrhundert.
Zeitgemäße Forschung über die Fremdenlegion setzt eine Erweiterung und Verschiebung der Perspektive voraus: Die Legion muss mit geografischen Räumen und historischen Ereignissen in Verbindung gebracht werden, mit denen sie bislang selten assoziiert wurde, wie etwa der transatlantische Raum. Zudem müssen koloniale und imperiale Kontexte in die historische Analyse ebenso einbezogen werden wie die Beziehungen, die Legionäre mit anderen Einheiten der französischen Armee unterhielten, insbesondere mit der Armée d’Afrique.
Als Schlüssel zum besseren Verständnis der Legion identifiziert Barboutie die (Im-)Mobilitäten der Legionäre: ihre Bewegungen im Raum genauso wie ihre Standortgebundenheit. Diese (Im-)Mobilitäten zwischen geografischen und soziokulturellen Räumen förderten Vernetzungen und Brüche. Indem Barboutie zudem Akteure berücksichtigt, die mit den Legionären Kontakt hatten oder gar mit ihnen lebten, wie Frauen und Kinder, erweitert sie die bisherige Perspektive auf die Fremdenlegion. Diese Menschen, von der Geschichtswissenschaft bislang weitgehend übersehen, sind für das Verständnis der sozialen Dynamiken und der komplexen Zusammensetzung der Kampfeinheit von entscheidender Bedeutung.
Ziel des Vorhabens ist zum einen, gängige Repräsentationen der französischen Fremdenlegion zu hinterfragen, nicht zuletzt das Bild einer ausschließlich aus Männern bestehenden, isoliert lebenden Gemeinschaft. Zum anderen wird der Blick auf die Geschichte der Legion dezentriert: Indem Fragen und Ansätze etwa aus der Flucht- und Migrationsgeschichte fruchtbar gemacht werden, erweitert das Projekt die Geschichte der Fremdenlegion und macht sie für andere Forschungsfelder relevant und anschlussfähig.
Das Projekt stützt sich auf ein breites Spektrum an Quellen, darunter administrative Dokumente wie militärische Vorschriften und Gesetze, Personenstandsregister, Gerichts- und Rechtsakten, aber auch Ego-Dokumente, etwa veröffentlichte und nicht veröffentlichte Selbstzeugnisse und Korrespondenzen, sowie Bildquellen. Da die französische Fremdenlegion sehr mobil war, sind viele dieser Quellen über verschiedene Länder und Kontinente verstreut.
Bildnachweis: Anonym, Vier Legionäre unterhalten sich mit einem Kind vor dem Mascara-Tor in Sidi-Bel-Abbès, Algerien (Postkarte, ca. 1907), © Service historique de la Défense, GR 2 K 148/44.
